Im Ökosystem von Fragen und Antworten

Im Ökosystem von Fragen und Antworten

Wie das KI-Internet endlich Gespräche zwischen Menschen ermöglicht, die im Zeitalter der Massenmedien unmöglich waren

Google definiert „Ökosystem“ in seiner Antwortbox (Knowledge Box, Entitäten-Box) als einen „natürlichen Lebensraum mit Lebewesen“. Von Ökosystemen spricht man auch in Bezug auf die geschlossenen Produktwelten von Apple oder Google/Android. Im Umfeld von Entwicklern wird manchmal von einem „Ökosystem von Fragen und Antworten“ gesprochen, das möglichst aktiv sein soll, zum Beispiel um in einer Beta-Test-Phase genügend konstruktiven Austausch zu erreichen (ein Beispiel auf Stackoverflow).

In meinem Blogartikel „Google’s KI-Offensive und das Verständnis von SEO“ habe ich ebenfalls vom „Ökosystem von Fragen und Antworten“ gesprochen. Jede Sucheingabe in Google kann als Frage verstanden werden. Es geht mir bei der Metapher vom Ökosystem darum, auf den never-ending und immensen Strom von Fragen hinzuweisen, die sich Menschen stellen – und darum nachzudenken, wie man sich in diesem beweglichen Gebilde mit Antworten sichtbar positionieren kann. KI steht für Künstliche Intelligenz.

Märkte sind Gespräche – wie wir seit Cluetrain 1999 wissen. Und Gespräche werden nicht von „Zielgruppen“ oder „Marktsegmenten“ geführt, sondern von Individuen.

Individuelle Antworten auf individuelle Fragen – Ist das nicht genau das Internet-Versprechen, das KI-Plattformen wie Google nun 15 Jahre nach dem ersten Cluetrain Manifest einlösen?

Das Internet ermöglicht Gespräche zwischen Menschen, die im Zeitalter der Massenmedien unmöglich waren. (These 6)

Dank KI, jetzt ja.  Siehe auch die Infografik weiter Grafik unten.


Menschen suchen keinen Content – sie wollen Antworten

Immer wieder wird die Floskel „Content is king“ wiedergekäut. Aber das stimmt so nicht mehr. Content + Kontext, orientiert am Suchinteresse – schon besser. Aber die Menschen suchen keinen Content, sie suchen Antworten! Und zwar möglichst schnell und möglichst passend.

Die erste gute Nachricht für alle, die Antworten kennen: Der Strom von Fragen versiegt nie – ganz im Gegenteil: In einer Welt mit immer weniger Gewissheiten – positiv: in einer immer schnelleren, bunteren, individuelleren Welt – gibt es immer mehr Fragen. Nach schnöde praktischen Dingen (italienisches Restaurant in der Nähe, günstige Flüge), nach Unterhaltung, nach Wissen, Fakten, nach Stil oder auch Selbstverständnis (Identität, Politik, Vorbilder, …) und wie er dies ausdrücken kann (Mode, Konsum, Style, Bücher, Filme …).

Das Ökosystem von Fragen und Antworten wird angetrieben vom Verlangen, das Leben so zu führen, wie wir es uns wünschen. Es werden immer mehr,  immer neue und immer individuellere Antworten gesucht.


Antrieb für Fragen:
Verlangen, Neugier, Unsicherheit, Orientierung … und ganz Praktisches

Dieser Fragestrom treibt die KI-Maschinen an. Google, YouTube, Facebook, Twitter, Pinterest, Instagram … Suchmaschinen wie soziale Plattformen leben von digitaler Energie – dem Input, den Fragen der Menschen. Und versuchen inzwischen mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI), mehr, schnelleren und besseren Output zu geben – oder im Fall von Google zu finden.

Das ist die Chance, unsere Zielgruppen zu erreichen – nein Sie zu unterhalten, Ihnen etwas zu bieten, sie positiv zu überraschen. Wie Karl Kratz es so schön merk-würdig formuliert hat: Ins Gehirn zu knallen.

Google beantwortet 100 Milliarden Suchanfragen im Monat (Nov. 2015), am Tag werden 3,5 Milliarden mal Antworten gesucht, über 40.000 jede Sekunde. Ein Teil der Suchanfragen wurde vorher noch nie so gestellt – etwa 15% – also 450 Millionen nie zuvor formulierte Suchanfragen am Tag. Der Anteil der Suchanfragen in Deutschland dürfte bei 10% liegen – hochgerechnet von Angaben aus 2009 im Blog von 121Watt. Das heißt: 4000 Suchanfragen bei Google je Sekunde in Deutschland. Suchanfragen bei Yahoo, Bing, Facebook, YouTube u.a. sind hier noch nicht berücksichtigt.

Dabei besitzt Google zunächst kein intelligentes Wissen: Es beruhte einfach auf Fleiß und Speicherkapazität, nämlich für digitalisierte Bücher , Wikipedia-Begriffe, Website-Inhalte, Benutzerprofile und -verhalten … und auf ihren Verbindungen zueinander.

Google in Deutschland: 4000 Suchanfragen je Sekunde. 4000 individuelle Fragen, davon mindestens 600 noch nie so gestellt.


Reality Mining: Auf der Suche nach Antworten, die wirklich zählen

Inzwischen  gehen Google und andere KI-Plattformen über vom „Data Mining“ zum „Reality Mining“ – also vom reinen „Daten-Bergbau“ hin zum Anreichern der Daten mit realen Verhaltensweisen („Reality Mining“ gelesen bei Prof. Shoshana Zuboff). KI-Plattformen suchen Worte+Fakten+Zusammenhänge+Verhalten+Bewertungen.

Das Ergebnis: Sie finden / filtern heraus, was für den Suchenden wirklich zählt. In der Theorie ihrer Patente (z.B. das RankBrain Patent), aber meist auch in der Praxis. Individuell, persönlich, real, relevant.

Hier die zweite gute Nachricht: Content ist nicht alles – aber ohne Content ist alles Nichts. Schließlich hängt der ganze Hokus-Pokus der KI davon ab, dass Gespräche geführt werden – mit unseren Antworten, mit Websites, Online-Services, Videos, die wir – Sie? – erschaffen.

Und hier wird es endlich interessant und konstruktiv. Können Sie individuelle Gespräche bedienen?

  1. Schaffen Sie es, Ihre Antworten in diesen andauernden Austausch von Fragen und Antworten produktiv einzuschleusen? (Siehe Grafik unten)
  2. Wie erreichen Sie es, dass Google Ihre Antworten zu dem Teil der Fragen ausliefert, die Ihre potentiellen Kunden und Interessenten eingeben?
  3. Wie werden Sie sichtbarer, relevanter Teil des Ökosystems von Fragen und Antworten? Des Marktes, der ein Gespräch ist? Ihres speziellen Ökosystems aus Kunden, Interessenten, Branche, Marktplätzen, Lieferanten, Vertriebspartnern, Mitarbeitern, Familien, Auszubildenden…?

Wir kennen alle die Konzepte von Keywords, Content, Kontext und Relevanz. Im Ökosystem des KI-Zeitalters wird aus der Frage nach gutem Content schließlich die nach den besten Antworten.


Im Zeitalter der KI wird aus der Frage nach gutem Content die nach möglichst individuellen Antworten.

Vorteile der biologischen und kybernetischen Metapher vom Ökosystem sind, dass sie

  • die Dynamik und den Energieumsatz thematisiert, die in einem solchen System herrscht
  • die Herkunft der Fragen mit thematisiert – sie kommen nicht von ungefähr, sondern aus dem Lebensraum und dem Alltag der Menschen, aus Gesprächen
  • auch den weiteren Weg der Antworten thematisiert. Die Selektion der Antworten hinauf auf das Sichtbarkeitslevel, und von dort den weiteren Weg mit Schwung zurück ins Ökosystem.
  • auf Mutation und Variation hinweist, dass nämlich Antworten sich im Ökosystem ausbreiten und wieder zu neuen Fragen werden – Jede Antwort stellt die Frage nach der besseren Antwort
  • auf Selektionsdruck durch Informationsflut hinweist: nur allem teilbare, teilenswerte Antworten sind lebensfähige Antworten

Google sucht auf jede Frage besonders jene Antworten, die andere schon für gut gefunden haben. Oder noch unbewertete Antworten, die von Seiten kommen, die bereits andere gute Antworten geliefert haben. Google liefert Antworten, deren Wahrscheinlichkeit, für gut gehalten zu werden, hoch ist.

Das Ökosystem von Fragen und Antworten
Das Ökosystem von Fragen und Antworten


Grafik: Das Ökosystem von Fragen und Antworten

  • 4000 Fragen je Sekunde allein in Deutschland, steigend
  • 100 Milliarden Suchanfragen je Monat (Stand Nov. 2015)
  • Fragen aus Situationen im Lebensraum, in der Lebenspraxis (inkl.Berufspraxis) – erfordern Antworten für den Lebensraum, die Lebenspraxis, Berufspraxis
  • Fragen variieren unter neuen Gesichtspunkten – Antworten unter neuen Gesichtspunkten werden nötig
  • Antworten als Teil von bestehenden Konversationen, neue Fragen auf Antworten,
  • Kreislauf von Aktion und Reaktion (question und response)
  • Die KI-Platformen sind abhängig von unserer Fähigkeit, gute Antworten zu liefern
  • Blauer Doppelpfeil: Marktforschung, Analytics, Persona-Erarbeitung, Kundenbefragung, A/B-Tests, SEO…
  • Gelbe Ausrufezeichen: Der „sweet spot“ der Sichtbarkeit

Und welche Eigenschaften haben nun gute Antworten?

Was sind in diesem Ökosystem gute Antworten? Solche, die dem System „Power“ liefern und damit Wert:

  • Antworten, die Unterschiede machen zu bisherigen Antworten (Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht – Gregory Bateson)
  • konstruktiv kontrovers (klasse formuliert von Karl Kratz)
  • die Reaktion sind und Aktion hervorrufen
    • Drehbuchautoren lernen den Unterschied zwischen „response“ und „answer“: Eine response führt den Dialog konstruktiv fort, hat mehr von einer persönlich gefärbten Reaktion, ist offener als eine direkte Antwort
  • Antworten, die teilbar sind und zum teilen anregen (sharable, igniting)
  • Antworten, die lockerer sind, von Unternehmen, die sich selbst weniger ernst nehmen (nach These 21 des Cluetrain-Manifests)
  • gute Antworten reagieren auf Fragen, die erst in der Zukunft gestellt werden
  • „Ob es darum geht, Informationen oder Meinungen auszutauschen, Standpunkte zu vertreten, zu argumentieren oder Anekdoten zu verbreiten – die menschliche Stimme ist offen, natürlich und unprätentiös“  (These 4 des Cluetrain-Manifests)
  • Antworten können sein:
    Anzeigen, Spots, Texte, Videos, Grafiken, Slides, Social Posts, alles …


Die dunkle Seite der Macht

Obiges soll keine unkritische Lobhudelei sein: Natürlich sind die Antworten auch verzerrt, die uns die KI präsentiert. Verzerrt, manipuliert von den jeweils eigenen Interessen der Plattform – Google z.B.  „verkauft“ uns mit jeder Ergebnisseite „beste“ Antworten, verkauft uns in gewisser Weise seine Realität. Facebook filtert schon mal persönliche Nachrichtenfeeds nach positiven oder negativen Emotionen und nach anderen intransparenten Kriterien (Dark Facebook, Dark Google). Ja: Die Ökonomie und die Überwachung sind Teil des Ökosystems von Fragen und Antworten, es gibt versteckte Kosten.

Aber: Wir sind die Produzenten, und wir sind wach. Weil wir das Internet lieben, und gute Gespräche.


Zum guten Schluss

Es gibt ein aktualisiertes Cluetrain Manifest. Hier letzten vier Thesen 2015:

New Clue #118: The Internet has liberated an ancient force — the gravity drawing us together.
New Clues

New Clue #119: The gravity of connection is love.
New Clues

New Clue #120: Long live the open Internet.
New Clues

New Clue #121: Long may we have our Internet to love.
New Clues

Nachtrag, 12.12.2015: Um dem möglichen KI-Monopol von Google, Facebook, Apple & Co entgegenzuwirken, haben Elon Musk (Tesla Gründer) und Y Combinate (VC Beratungsfirma) das Projekt OpenAI gegründet. Mehr dazu in einem Artikel auf Medium.

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